Im Südkurier erschien am 30.09. diese Rezension zur Anthologie “Drei Tagesritte vom Bodensee”:
Braten und Birnentörtchen
Die Anthologie „Drei Tagesritte vom Bodensee“ begibt sich in eine vielseitig erzählteVergangenheit
Man könnte den Band als Einführung in die Gattung belletristischer Literatur verstehen, deren Gegenstand im weitesten Sinne die Historie liefert. Besser noch: als Appetitmacher. „Drei Tagesritte vom Bodensee“ versammelt die verschiedensten Varianten dieser Literaturabteilung und ergibt im Endeffekt ein abwechslungsreiches Leseerlebnis: Beginnend mit historischen Texten stehen historisierende Kurzgeschichten neben den knappen Erzählungen, die Dichtung und Wahrheit in den Lebensläufen historischer Persönlichkeiten verquicken. Die Geschichten um die Geschichte rund um den Bodensee und bis über die Grenzen des Hegaus hinaus heben denkbar früh an: Mit der Steinzeit geht es los.
Doch zunächst sind es die großen Literaten, die mit ihren Eindrücken anlässlich ihrer Bodenseebesuche zu Wort kommen. Besonders beeindruckend Michel de Montaigne, der sich auf Durchreise gen Italien im Konstanzer „Adler“ schlecht untergebracht fühlt und aufgrund „barbarischer alemannischer Willkür und Anmaßung“ gar vor Gericht geht, was ihn jedoch nicht grundsätzlich gegen sein Gastland aufbringt.
Mit erstaunlicher Aufgeschlossenheit würdigt er unmittelbar darauf durch einen Mitreisenden die Gastronomie rund um den See. Gar nicht genug kann er, der Franzose, kriegen von den Gaststuben und Speisen, die ihm kredenzt werden: Brot, diverse Suppen, Fisch, Braten bis hin zu Birnentörtchen. „Wir haben nie zuvor so delikate Gerichte gegessen, wie sie dort gang und gäbe sind“, ist zu lesen. Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen.
Den seltsamen Vogelkäfig, den er in der „Krone“ in Lindau an der Decke angebracht sieht, sowie die kulinarischen Beschreibungen greift Constanze Wilken auf, um daraus in „Eine Qittensuppe für Monsieur de Montaigne“ eine hübsche Geschichte zu machen, wie Monsieur den „Kronen“-Wirt mit List und Tücke dazu bringt, einen armen Studenten als Schwiegersohn willkommen zu heißen. Constanze Wilken gehört dem „Quo Vadis“-Autorenkreis an, der sich dem historischen Roman verschrieben hat und der im kommenden November in Singen das Autorentreffen „Historica“ veranstaltet (s.a. Infokästchen). Auch dafür ist die Anthologie gedacht, wie die beiden Herausgeber Barbara Grieshaber und Siegmund Kopitzki in ihrem aufschlussreichen Vorwort anmerken. So sind auch zehn der besten Beiträge des „Quo Vadis“-Kurzgeschichtenwettbewerbs im Band abgedruckt, von eher unbekannte Autorinnen und Autoren, deren Protagonisten im Gegensatz dazu bereits einen Namen haben.
In der düsteren Geschichte von Annette Amrhein ist Gottfried Keller gerade bei der Überarbeitung seines „Grünen Heinrich“, der Heiler Franz Arnold Mesmer und Hermann Hesse tauchen gar in mehreren Geschichten auf. So auch Goethe, der im Hegau an seinem „Faust“ schreibt. Angeregt wird der alte Lüstling durch die schöne Dorothea, die ihm, so fantasiert Alexandra Guggenheim mit respektlosem Witz, als Vorbild seines Gretchens dient.
Manchmal sind es jedoch die namenlosen Heldinnen und Helden, die die spannendsten Geschichten liefern. Etwa die Erzählung der im 18. Jahrhundert lebenden Josefina, der geplagten Ehefrau eines Taugenichts, der das ganze Geld beim Lotteriespiel durchbringt und sein verdientes Ende findet. Ebenso die über einen anonymen Wilderer in Angeline Bauers „Kaltes Land“, dessen wahre Protagonistin eine Bärin ist. Die Vielfalt des Erzählten ist erstaunlich: Besagte Steinzeit wird heraufbeschworen, eine tragische Liebesgeschichte stammt aus dem römisch besetzten Helvetien, als Hexen gebrandmarkte Frauen werden zu heimlichen Heldinnen.
Eine Hexe ist auch Christoph Kellers Protagonistin in „Erika“, eher heiter angelegt, wenn auch mit makabrem Einschlag. Die Palette reicht von abgründig, wie etwa Peter Erfurts „Konstanzer Blutnacht“, bis hin zu unerwarteten Formen der historischen Erzählung. Hermann Kinder lässt in „Defektes Material“ ein virtuelles Wesen aus einer hoffentlich fernen Zukunft einen satirischen Blick auf uns Fleischeswesen werfen. Hilfreich ist auch, dass in manchen Geschichten wie der über die „Geburtsstunde des Doktor Mabuse“ von Horst Bosetzky kleine Anmerkungen am Schluss des Textes historische Zusammenhänge herstellen.
Gute bis sehr gute Kostproben haben Grieshaber und Kopitzki zusammengestellt, die Appetit machen, sich vielleicht doch noch einen Historienschinken einzuverleiben.
Grieshaber/Kopitzki (Hg.): „Drei Tagesritte vom Bodensee“. Historische Geschichten. Gmeiner-Verlag, Meßkirch. 420 Seiten, 12,90 Euro